Péter Öllinger: Cyanotypien

Péter Öllinger, Aufklarung. Cyanotypie, 50 x 70 cm, 2023
Péter Öllinger, Aufklarung. Cyanotypie, 50 x 70 cm, 2023

Die Cyanotypie ist nicht bloß ein fotografisches Verfahren, sondern der langsame, bläulich schimmernde Atem von Licht und Zeit. Wenn Sonnenlicht auf die lichtempfindlichen Salze trifft, mit denen das Papier beschichtet ist, wird das Immaterielle selbst greifbar. Dieses archaische Verfahren beruht auf der Reaktion von Eisenverbindungen. Die gelb-grüne Emulsion auf der Oberfläche verändert sich bei Kontakt mit ultravioletten Strahlen und wird anschließend beim Abspülen mit reinem Wasser reduziert, wodurch sie ihren unverwechselbaren, tiefen und zugleich staubigen Blauton annimmt.

Der Grafiker Péter Zoltán Öllinger nutzt diese einzigartige Technik, um unsichtbare psychologische Prozesse in einem markanten, geometrisierten Raumgefüge zu verdichten. In seinen Arbeiten stehen Schatten nicht für Dunkelheit, sondern zeugen vielmehr von der Anwesenheit des Lichts.

In einer von Lärm geprägten Zeit ist dieser zeitgenössische Künstler ein stiller Rebell, der durch seine Bilder bewusst eine positive Botschaft vermittelt. In seinen Werken erscheinen zeitlose menschliche Dilemmata nicht als schwere Last, sondern als lyrische Fragen, die eine Auflösung finden. Die zart schimmernden, nuancenreichen Formen auf den Oberflächen schaffen eine rätselhafte, beinahe mystische Atmosphäre. Es ist, als schritte man durch die Mauern eines vergessenen Klosters oder durch eine nie zuvor gesehene innere Landschaft, in der strenge Geometrie durch das Spiel von Wasser und Chemie gemildert wird. Obwohl das bildgebende Licht das flüchtigste aller Phänomene ist, vermag die Cyanotypie diese Vergänglichkeit als dauerhaften Abdruck zu bewahren.

Die Betrachter werden mehr als nur Cyanotypien sehen. Die Werke erinnern uns daran, dass selbst über den tiefsten Schatten das unaufhörliche, alles durchdringende Licht weiterleuchtet.

TEXT: Blanka Bán, Kunsthistorikerin, Ausstellungskuratorin (Das Blau der Welt)

Mysterious City I & II, 2026

Péter Öllinger: Mysterious City I, Cyanotypia, 70 x 50 cm, 2026
Péter Öllinger: Mysterious City I, Cyanotypia, 70 x 50 cm, 2026
Péter Öllinger: Mysterious City Ii, Cyanotypia, 70 x 50 cm, 2026
Péter Öllinger: Mysterious City Ii, Cyanotypia, 70 x 50 cm, 2026

Die Inspiration für „The Mysterious City“ entstand bei einem Streifzug durch die Medina von Fès in Marokko. Inmitten der labyrinthartigen engen Gassen wird der Betrachter in eine geheimnisvolle Welt entführt – geleitet von Gestalten, die im Kontrast zwischen dem in scharfen Winkeln einfallendem blendendem Sonnenlicht und den Schatten gespannter, herabhängender Stoffbahnen erscheinen und wieder verschwinden, untermalt von einer undurchdringlichen Kakofonie aus Stimmen.

Genius Loci, 2026

Péter Öllinger: Genius Loci, cyanotypia, 70 x 50 cm, 2026
Péter Öllinger: Genius Loci, cyanotypia, 70 x 50 cm, 2026

Péter Öllinger interessiert sich für Architektur und Geschichte, Stadtstrukturen, und für die Menschen in verschiedensten Lebensräumen. Auf seinen Reisen sucht er die Nähe der Einheimischen, um deren Alltag, Kultur und architektonische Besonderheiten besser verstehen zu können. Er sieht die Architektur auch als Abbildung von Seelenlanschaften.

Erinnerungen II, 2026

Péter Öllinger: Memories II, cyanotypia, 100 x 70 cm, 2026
Péter Öllinger: Memories II, cyanotypia, 100 x 70 cm, 2026

Auf der Reise nach Ouarzazate in Marokko, die aus der einstigen Berbersiedlung zu einem wichtigen Zentrum für Tourismus und Verkehr heranwuchs, erblickte Peter Öllinger einen Einheimischen, der seine Nachmittagsruhe abseits der Touristengruppen fand. Die schneebedeckten Berge des Hohen Atlas als Hintergrund sind von der Silhouette der Stampflehm-Mauern der Wohnburganlage des Kasbah Taourirt nicht wegzudenken.

Péter Öllinger wendet hier die Technik der Cyanotypie meisterhaft an: Durch das Herantreffen der Weiss-Blauschattierungen auf das dominante „Tuareg-Berber Blau“ entstanden klar getrennte Oberflächen, die aus einer fast philosophischen Betrachtungsweise eine illusorische Wahrnehmung entstehen lassen. Man möge in die Erinnerungen versinken.